Vespa Tour nach Barcelona
Es ist das Jahr 2004. Seit 2 Jahren haben wir den Euro mit all seinen Folgen. Nachdem ich wochenlang immer denselben Traum hatte - ich saß auf einem Moped und fuhr eine Landstraße entlang - entschloss ich mich dazu, mir einen Vespa Motorroller zu kaufen. Eine weiße PK50. Leider hatte der Vorbesitzer immer 1:25 getankt, also viel zu viel Öl in das Benzin gekippt. Das doppelte von dem, was für den Motor gesund gewesen wäre. Die Folge: der Motor war total verklebt und brachte das ansonsten gute Stück auf maximal 40 km/h.
Ansonsten war alles in Ordnung. Mein Plan war, nach Barcelona zu fahren und dort auf der Rambla Didgeridoo zu spielen. Ich war dort bereits einmal gewesen und hatte kurz gespielt, nur eine Nacht. Es hatte mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und ich wollte das unebdingt wiederholen. Dummerweise kam ich auf die Idee, einen Verstärker zu benötigen und kaufte mir deshalb einen selbstgebauten Anhänger bei Ebay. Das Ding sah zwar gut aus, war auch gut verarbeitet aber für meine Zwecke eine Fehlkonstruktion.
Das Problem waren die viel zu kleinen Sackkarren-Räder. Sie brachten den Hänger ab 30 km/h zum Schlingern und das gesamte Gefährt begann sich dann abenteuerlich über die Landstraße zu schlängeln. Das war nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich. Ich musste immer höllisch aufpassen. Aber ich greife vor. So weit sind wir ja noch gar nicht.
Start am 2.4.2004
Ich hatte alles was ich meinte zu brauchen im Anhänger verstaut. Wie gesagt: eigentlich ein stabiles Teil, wasserdicht war er auch. Nur die Räder waren zu klein. also fuhr ich in Darmstadt los direkt auf die B3 Richtung Süden. Ich durfte ja mit der 50er Vespa nicht auf Kraftfahrstraßen, was sich im Nachhinein ebenfalls als großer Nachteil herausstellte. In Weinheim an der Bergstraße machte ich meinen ersten Halt und trank einen Kaffee. Auch um mir klar darüber zu werden, dass ich jetzt tatsächlich nach Barcelona unterwegs war... bei mir dauert das immer ne Weile.
Weiter ging es nach Karlsruhe Durlach auf den Campingplatz. Dort war ich während meiner diversen Radtouren bis nach Südfrankreich schon öfter vorbeigekommen. Ja und dann kam schon Freiburg. Dort besuchte ich eine Freundin, spielte etwas Didgeridoo und dann ging es über die französische Grenze Richtung Besancon. Ich war schon gespannt, wie gut ich oder besser gesagt, ob ich die kilometerlange Steigung dort hochkommen würde. Wie sich herausstellte kam ich fahrend nicht hoch. Ich musste die Vespa schieben und Gas geben. Immerhin war ja der 100kg schwere Anhänger noch hinten dran! Eine unglaublich blöde Idee.
Plattfuß in Besancon
In Besancon angekommen fing der Anhänger auf einmal an auszubrechen und war gar nicht mehr zu kontrollieren. Ich hatte einen Platten. Wenig begeistert schaute ich mir den luftlosen Reifen an und war echt ratlos, wie ich den reparieren sollte. Ich versuchte es zunächst mit "Reifenpilot", aber obwohl ich auf das Zeug schwöre, brachte es dieses Mal gar nichts. Dann kam mir die Idee, dass das Rad vielleicht irgendeiner Norm entspricht und wurde in einem Baumarkt fündig und kaufte mir zwei neue Räder. Gerettet!
Dann ging es weiter auf der Landstraße Richtung Lyon. Dort gibt es einen sehr guten Campingplatz. Überhaupt ist Lyon eine sehr schöne Stadt. Voll alter Architektur, guter Gastronomie und interessanter Leute. Für Mopeds gibt es eine Extraspur ganz rechts außen. Zumindest bei den viel befahrenen Straßen. Wunderschöne Alleen, einladende Straßencafés. Und nicht so hektisch wie Paris. Obwohl, die haben ja jetzt überall 30er Zonen habe ich gehört.
In "Toulon sur Rhône" machte ich Halt bei meinem liebsten Campingplatz in Frankreich. Er ist klein, sauber und freundlich und nicht so wahnsinnig teuer. Dort traf ich bei dieser Tour "Leonard aus London". Bei ihm sah ich zum ersten Mal einen Funkscanner, einen "Yupiteru MVT-7100". Ein legendäres Gerät mit überragendem Empfang auf Kurzwelle bis rauf in über 1600 MHz. Später kaufte ich mir auch so einen, aber als "Stabo XR100". Das gleiche Gerät. Leonard hörte regelmäßig BBC Nachrichten damit. Er war Rentner und verbrachte seine viele freie Zeit mit dem Kartieren von Bäumen.
Dazu hatte er ein kleines Brompton Klapprad mit Navi, fuhr durch die Wälder und speicherte die Standorte von Bäumen, um sie später wieder zu besuchen. Engländer halt ;-) Naja, ich bin ja streng genommen selber einer. Zumindest technisch. Meine Mutter war Engländerin. Außerdem bin ich dort geboren.
Dauerregen in Sête
Nachdem mir Leonard viel Glück für die Weiterreise gewünscht hatte, setzte ich meine Tour fort und kam schließlich bei strömendem Regen in Sête ganz im Süden an. Dort ist schon das Mittelmeer. Ich war bis auf die Haut durchnässt aber der Anhänger hielt dicht. Er war wirklich solide gebaut, wenn nur die Räder größer gewesen wären.
Da es sich so richtig eingeschifft hatte nahm ich mir ein Zimmer für drei Nächte je 20 Euro und hatte Zeit, mich schön auszuruhen. Diese stundenlange langsame Fahrerei ist nämlich anstrengender, als man vermuten würde. Dafür sieht man viel, wenn man mit nur 35 km/h durch die Gegend tuckert. Fast wie in "The Straight Story" (DVD bei Amazon). Der fuhr ja sogar mit einem Rasenmäher 😄
Spanische Grenze
Nachdem der Regen abgeklungen war fuhr ich an der Küste entlang Richtung spanische Grenze nach Perpignan. Dort angekommen überholten mich einige Motorradfans mit ihren schweren Maschinen und zeigten mir den Daumen nach oben. Denen gefiel zumindest meine Tour.
Was mich jedoch total verwunderte waren die ungewöhnlich vielen Vespas, die hier umherfuhren. Wunderschön restauriert und neu lackiert mit allerlei fantasievollen Dekors und lächelnden Fahrern und Fahrerinnen mit kurzen Hosen und bunten offenen Hemden. Ein Lächeln huschte mir über das müde Gesicht. ich brauchte erstmal einen starken Kaffee. den gab's hier selbstverständlich in einem kleinen Straßencafé.
Nach Perpignan ging es weiter zur spanischen Grenze, als plötzlich ein heftiger Mistral aufzog. Nicht ungwöhnlich für diese Jahreszeit. Auch die 150 km/h Wind waren nicht ungewöhnlich. Ich hatte schon einmal einen Mistral während einer Radtour erlebt, der mein kleines Zelt stundenlang ordentlich durchschüttelte. Aber es hielt stand. Nur an schlafen war natürlich nicht zu denken.
Nach dem Mistral fuhr ich über die spanische Grenze und dann ging es die - so dachte ich - malerische Küstenstraße entlang. Malerisch war es nur kurz hinter der Grenze. Danach musste ich bei ordentlich viel Wind durch Tunnels und über sehr hohe Brücken, die mir zeigten "Du bist immer noch nicht schwindelfrei." Das Tückische war, dass sich die Augen im Tunnel an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann kommst du raus, die grelle Sonne macht dich fast blind und von rechts fegt eine heftige Böe fast den Roller samt Hänger weg. Und dann schaust du 100 Meter runter und denkst nur "scheiss die Wand an, geht das tief runter.."
Nach den vielen Tunnels ging es dann über kleine Landstraßen weiter bis nach Barcelona. Nach insgesamt ca. 1500 Kilometern (die Strecke entlang der Küste ist deutlich länger) erreichte ich Barcelona und hatte kurz vorher noch einen weiteren Platten am Hinterrad der Vespa. Glücklicherweise hat die alte Vespa ein Ersatzrad dabei, dass ich im Prinzip "nur tauschen" musste wie beim Auto. Die Schrauben sahen das jedoch anders und rührten sich keinen Millimeter. Erst ein Hammer, den ich mir von einem Handwerker lieh, schaffte Abhilfe und ich konnte das Rad wechseln. Dann endlich ging es nach Barcelona. Ich suchte direkt die Rambla, denn dort hatte ich in der Jugenherberge ein Zimmer gemietet.

In der GEO hatte ich gelesen, dass Barcelona recht kriminell sein soll und so versuchte ich mich nicht wie ein Tourist zu verhalten und aufzufallen. Touristen sind immer neugierig und bleiben alle zehn Meter stehen, um irgend etwas zu bestaunen. Ich schlenderte durch die Stadt, als sei ich ein bisschen genervt oder ein wenig gelangweilt. Das hat mir in allen Großstädten geholfen und mir eine ideale Tarnung verschafft.
Ja und dann wurde es Abend und ich holte mein Didgeridoo aus der Jugenherberge, hockte mich auf die Rambla und spielte gerade so, als würde ich das täglich tun. Für Barcelona verdiente ich erstaunlich wenig, nur 15 Euro oder so. Ich erkläre gleich warum.
Leider war die Situation so kurz nach der Einführung des Euro (2002) für Straßenkünstler eine einzige Katastrophe, weil die Leute von den Europreisen geschockt waren und ihr Geld zusammen hielten. Ich kannte den Mexikaner mit der Klavier spielenden Frosch Marionette. Der hat früher umgerechnet 400 DM pro Tag verdient, wie er mir erzählte. Seit dem Euro nur noch ein Bruchteil. Aber es reichte bei ihm zumindest noch zum Leben. Andere hatten weniger Glück.
Ich blieb noch ein paar Tage und dann ging es zwei Wochen lang wieder zurück. Zwei Wochen hin, zwei Wochen zurück. Das muss man wollen. Aber ich würde freiwillig mit einer 50er nicht mehr so lange Strecken fahren, höchstens 10 bis 20 Kilometer oder so. Eine 125er ist da schon ein anderes Kaliber. Damit kann man auf jede Kraftfahrstraße und meist sogar auf die Autobahn. Was kann ich abschließend über die Tour sagen?
Es war halt ein Abenteuer und entsprechend unkomfortabel mit den dazugehörigen Pannen, aber auch interessanten Begegnungen und Eindrücken. So eine Tour kommt spontan, ist entsprechend schlecht organisiert und so gut wie gar nicht durchdacht. Das macht den besonderen Reiz aus. Ist nicht für jeden. Nur für Leute, die freiwillig ohne Geländer durchs Leben gehen können ;-)
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