Lebenspartner = Schlüssel zum Glück?

glück

Das Thema Liebe und Partnerschaft wird nach meiner Beobachtung fast global auf einen großen Sockel der Verehrung gestellt und als Schlüssel zu höchstem Glück und Erfüllung angepriesen. Ohne Partnerschaft ist man nur ein halber Mensch und erst wenn man seinen Lebenspartner gefunden hat wird man ganz. Ich habe das anders erlebt, aber ich finde sowieso, dass man diese Aussage nicht verallgemeinern sollte.

Vermutlich hat es auch viel mit der eigenen Familie zu tun und was man als Kind von seinen Eltern abgeguckt bzw. gelernt hat, was Liebe und Partnerschaft bedeuten. Und in der Tat waren meine Eltern die meiste Zeit keine positiven Vorbilder in Sachen Ehe, Treue und familiärer Harmonie. Es bedeutete für alle Beteiligten oft Stress, Streit, Lärm und kein Ort, um sich geborgen oder geliebt zu fühlen.

Mag sein, dass dies der Grund war, warum ich den Rückzug in die Stille der Natur oder in die friedliche Stimmung eines Caféhauses vorzog und dort Frieden beim Betrachten der Vorgänge oder beim Lesen eines Buches empfand. Es scheint sogar logisch zu sein. Ich finde jedoch, dass man es auch andersherum sehen kann. Für mich scheint es plausibel, dass ich mir für diese Inkarnation innere Klarheit, Selbstbestimmung und Freiheit auf die Fahnen geschrieben habe und mich von allen sozialen Reibungen so fern halten wollte wie möglich.

Denn ich hatte selbst zu friedlichen Zeiten in meiner Familie, als ich ungefähr 5 Jahre alt war, schon Pläne gemacht, wie ich ohne meine Eltern überleben könnte. Ich machte kindliche Entwürfe von einem Tipi Zelt, einem Fluggerät aus Tierhaut und einem Holzgerüst und stellte mir vor, wie ich damit ins Tal segeln würde. Ich glaube ich hatte solche Bilder in einem "Pelikan-Heft" gesehen und reproduziert. Aber der Wunsch nach Unabhängigkeit war echt. Schon mit Fünf.

Beziehungen

Als ich dann in die Pubertät kam war ich aber so konditioniert von dem Gerede über die Wichtigkeit von Liebe und Partnerschaft, dass ich mir alle Mühe gab, eine Freundin zu finden. Dabei hatte ich jedoch kein Bild vor Augen, wie das ablaufen sollte, wenn die ersten Hürden der Kontaktaufnahme genommen waren. Und so eroberte ich tatsächlich einige hübsche Mädchen mit viel Mut und Fantasie, aber wie es danach weitergehen sollte wusste ich nicht. Das war irgendwie skurril, als fehlte ein Teil einer Bauanleitung.

Aber dann hatte ich mit 20 eine sehr herzliche Beziehung, weshalb ich sie als meine erste richtige Beziehung betrachte. Wir hatten auf allen Ebenen Spaß und waren ein Herz und eine Seele. Das fühlte sich einfach gut an. Aber dann lernte ich, was es heißt für etwas verdächtigt zu werden, das nicht zutraf. Die junge Dame behauptete nämlich plötzlich, ich würde hinter ihrem Rücken andere Mädchen treffen. Das war absurd und obwohl ich meine Unschuld beteuerte, hielt sie an ihrem Vorwurf fest und wollte die Trennung. Das empfand ich als sehr ungerecht, aber ich sah das damals ziemlich locker und machte mir nicht allzuviele Gedanken ganz nach dem Motto "Reisende soll man nicht aufhalten" (ein Lieblingsspruch meines Vaters).

Ich hatte noch mehrere kürzere und längere Beziehungen, die unterschiedlich verliefen. Ich werde nicht auf jede einzelne eingehen. Aber im Laufe der Zeit spürte ich, dass mein größtes oder mein wahres Glück in der Stille lag. Wenn ich spazieren ging und mich in den Anblick der Natur vertiefte empfand ich eine Weite und eine innere Freude, die ich in keiner Beziehung empfunden hatte. Das Zusammensein mit Menschen empfand ich meist als laut und oft recht anstrengend.

Innerer Frieden

freude

Dann mit ungefähr 30 machte ich ein Experiment, bei dem ich versuchte, meinen inneren Dialog abzuschalten. Im Buddhismus wird dies ja auch in der Meditation angestrebt. Man beobachtet seinen Atem und lässt die Gedanken kommen und gehen, bis sie ganz aufhören. Nur hatte das bei mir nie so richtig geklappt. Also versuchte ich es mit anderen Methoden und schaffte es schließlich. Die Technik bestand darin zu gehen und alle möglichen Gegenstände zu betrachten, aber ohne mit dem Blick ständig umher zu springen.

Das Besondere war, den Blick langsam und klebrig wie die Schleimspur einer Schnecke über den Fußweg vor mir, dann den Baum hoch und wieder runter, dann die Blätter, den Stengel, die Blüte, die einzelnen Blütenblätter u.s.w. gleiten zu lassen. Es war ein langsamer Prozess, der viel Geduld und Aufmerksamkeit forderte. So viel Aufmerksamkeit, dass immer weniger Zeit für Gedanken, Kommentare, Bewertungen übrig blieb, bis nach ungefähr 5 Stunden des Gehens etwas ganz außergewöhnliches geschah:

Ihr müsst euch vorstellen, ich war mitten in der turbulenten Fußgängerzone einer Großstadt gewesen. Ich lief also und betrachtete alles mit dieser schneckenartigen, klebrigen Art zu beobachten, als plötzlich eine Art Lichtblitz den Himmel erhellte und ich ein überwältigendes Gefühl seeliger Freude empfand. Das ist viel zu schwach ausgedrückt. Es übergoss sich über mich, füllte mich aus und weil es so viel war, musste ich laut lachen. Ich strahlte und umarmte einen überraschten Passanten, der wissen wollte, ob es mir gut geht.

Ich strahlte ihn an und meinte nur "Es ist alles in Ordnung". Und so schwebte ich (das heftige Lachen war nur von kurzer Dauer gewesen) in einem extrem beseelten Zustand 5 Stunden lang durch die Stadt und empfand tiefe Verbundenheit mit allem: mit den Menschen, mit Tieren, mit Gegenständen. Als es dann Abend wurde ging ich in meine Lieblingsdisco und sah den Leuten beim Tanzen zu. Und immer empfand ich eine glückliche Seeligkeit, eine tiefe Verbundenheit. Gleichzeitig hatte ich keine Bedürfnis über dieses Geschehnis nachzudenken oder darüber zu sprechen.

Ich war erfüllt von Frieden und von dem Gefühl "Es ist alles in Ordnung". Nach 5 Stunden hörte dieser Zustand wieder auf, aber seit diesem Tag ist mir klar geworden, dass Erfüllung nicht darin besteht, seine Zeit mit Aktivität und möglichst vielen beglückenden Sinneseindrücken zu füllen, sondern - ganz im Gegenteil - auf all das zu verzichten. Ich hatte erlebt, dass die innere Stille, die Abwesenheit von Kommentaren und Bewertungen, die ja innere Selbstgespräche meist ausmachen, das höchste Glück war, das ich bis zu diesem Erlebnis jemals erlebt hatte.

Erfüllung

frieden

Allein diese Erkenntnis beruhigte mich, denn ich konnte getrost aufhören, nach dem Glück zu suchen. Ich hatte es tatsächlich in mir selbst gefunden. Aber ist das korrekt formuliert? Besser wäre zu sagen "Ich habe tiefe Freude und Erfüllung gefunden, als ich aufgehört habe, über das Leben nachzudenken." Oder noch genauer "...als ich aufgehört habe, die Geschehnisse in meinem Leben zu kommentieren und zu bewerten."

Brauche ich also einen anderen Menschen, um tiefe Freude und Erfüllung zu erfahren? - Nein
Kann ich zusammen mit anderen diesen Zustand erleben? - Ja
Brauche ich eine Liebesbeziehung, um Verbundenheit zu erleben? - Nein
Brauche ich irgend etwas oder irgend jemanden, um im Frieden zu sein? - Nein

Nach dieser Erfahrung sehe ich das so und es sind nun schon mehr als 30 Jahre vergangen. Ich habe durch dieses Erlebnis eine Tür gefunden und bin durch diese Tür hindurch gegangen. Ich finde diese Tür in jeder Sekunde meines Lebens und kann jederzeit durch sie hindurch gehen. Und dann erlebe ich Verbundenheit. Und das fühlt sich richtig und gut an.

Was ist mit Liebe und Partnerschaft?

liebe

Nun könnten meine Schilderungen den Eindruck erwecken, dass man möglichst allein leben muss, um Glück zu erfahren. Das wäre eine zu oberflächliche Interpretation und ist in jedem Einzelfall anders. Man kann sowohl mit anderen Menschen als auch ohne sie Glück, Zufriedenheit und Erfüllung finden.

Aber man braucht niemanden anderen als sich selbst dafür. Und man sollte zuerst die Liebe und Verbundenheit zur gesamten Welt suchen bzw. erleben, bevor man es mit einem anderen Menschen zusammen versucht. Denn das Zusammenleben macht alles komplizierter und lenkt vom Wesentlichen ab. Deshalb eins nach dem anderen 😊 Ich bin nicht mehr auf der Suche nach dem richtigen Partner. Ich bin mir selbst ein guter Freund und finde Erfüllung in jedem Moment. Aber ich bin immer bereit zu teilen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.

Vorgelesen...


Hinweis: Ich verwende Amazon Provisionslinks. Kein Preisunterschied für euch, kleiner Bonus für meine Arbeit.