Gedanken lesen
Ich war 8 Jahre alt gewesen und wir machten am Wochenende, wie so oft, einen ungeplanten, spontanen Ausflug mit dem Auto. Wir, das waren mein Vater, meine Stiefmutter und ich. Diese Ausflüge führten meist in die nähere Umgebung. Aber ohne Ziel. Und meist stiegen wir nicht mal aus oder nur ganz kurz. Also fuhren wir irgendwo lang auf irgendeiner Landstraße. Ich glaube es war in der Lüneburger Heide.
Während sich meine Eltern über irgend etwas Geschäftliches unterhielten, war mir langweilig. Aber ich genoss diese Langeweile, denn das bedeutete für mich, dass ich in Ruhe gelassen wurde. Meine Stiefmutter mochte mich nicht besonders und irgendwie war seit ihrem Erscheinen alles anders geworden. Angespannter, kühler, weniger freundlich. Und deshalb erschien mir die Situation friedlich und angenehm. Übrigens war mein Vater damals Modefotograf und meine Stiefmutter Fotomodell. Eigentlich hatte sie Jura studiert, lernte dann aber meinen Vater kennen und schon bald wurde geheiratet
Ein seltsames Paar. Aber was sie vereinte war ihr Geschäftssinn. Und so redeten sie über dieses und jenes, irgendwie ging es wieder mal um Geld. Das waren so typische Gespräche, die ich zwar mitbekam, die mich aber nur am Rand interessierten. Ja und dann passierte etwas eigenartiges. Während ich so aus dem Fenster schaute und die Landschaft an mir vorbeiflog, sah ich auf einmal einen schwarzen Nachrichtenticker in meiner Vorstellung mit roter Leuchtschrift.
Und auf diesem Ticker bewegten sich Wörter und Sätze mit Geldbeträgen. Ich hatte nicht weiter darüber nachgedacht oder mich gefragt, was das denn für ein seltsamer Nachrichtenticker sein sollte mit den großen leuchtenden Buchstaben. Und dann Geldbeträge, 8400 Mark oder so. Und es vergingen vielleicht 3 bis 5 Sekunden und dann sagte meine Stiefmutter genau diesen Satz, den ich zuvor gesehen hatte. Mit meinem Vater war es genauso.

Hui, das war interessant. Ich erwachte ein wenig aus meiner friedlichen Lethargie und beobachtete weiter die geheimnisvollen rot leuchtenden Buchstaben. Es kamen wieder Sätze und wenige Sekunden später wurden diese ausgesprochen. Aber irgendwann hörte es von alleine auf. Vielleicht war ich zu wach, vielleicht war mein Bewusstseinszustand nicht mehr geeignet für das Gedanken lesen. Aber es war passiert und ich hatte es mitbekommen. Das war die Hauptsache.
Das Thema war mir aber nicht sehr wichtig und so verfolgte ich es nicht weiter. Später jedoch, da war ich ungefähr Mitte zwanzig, begann ich mich wieder dafür zu interessieren und belebte diese Eigenschaft erneut, indem ich mich damit beschäftigte. Ich bemerkte, dass es am besten funktionierte, wenn ich spontan im vollen Vertrauen auf den Erfolg einfach ungefiltert Dinge aussprach, die mir durch den Kopf schossen. Ich konnte das nur bedingt steuern, aber es führte oft zum Erstaunen und manchmal zu Verwirrung bei den Betroffenen. Manchmal bekamen sie sogar Angst. Also ließ ich es wieder.
Der letzte "Auftritt"
Mir blieb dieses eine Erlebnis in Erinnerung: ich war gerade bei Siemens im Rahmen eines Betriebspraktikums und machte die Urlaubsvertretung in der Rechnungsabteilung. So ein typisches Großraumbüro mit ungefähr 4 oder 5 Arbeitsplätzen + Chef meine ich. Es herrschte eine freundliche, kollegiale Stimmung und so quatschten wir auch mal was Privates. Und da fühlte ich auf einmal diesen kleinen Energieschub, wie ein kleiner rieselnder Strom aus Energie, der mir den Rücken hochwanderte und es entfuhr mir "Und? Freust du dich schon auf deinen Urlaub in Portugal?"
Das wäre normalerweise nichts Besonderes gewesen. Ständig unterhalten sich Kollegen über Urlaubspläne und was sie so privat machen u.s.w. Aber hier war die Situation anders. Die Kollegin hatte wohl noch mit niemandem im Büro oder jedenfalls nicht mit mir über ihre Urlaubspläne gesprochen. Vielleicht war der Urlaub auch noch gar nicht geplant, sondern nur grob vorskizziert gewesen. Jedenfalls schaute die arme Frau mich sprachlos an und stammelte nur "Was? Wie? Woher weißt du wohin ich in den Urlaub fahre?"
Ich sagte ihr wahrheitsgemäß, dass ich das nicht gewusst hatte. Mir war nur diese Information ins Hirn geschossen und ich hatte sie ungefiltert rausgelassen. Das war alles. Das beruhigte sie nur wenig und ab diesem Ereignis beschloss ich zukünftig meine "Geistesblitze" für mich zu behalten. Was bringt es, seine Mitmenschen mit kleinen "Kunststücken" zu verunsichern? Das erzeugt nur unnötig Spannung und Misstrauen und hilft keinem. Zu diesem Schluss kam ich damals und dabei ist es bis heute geblieben. Oder ich verpacke es in ein "Möglicherweise", dann ist der Aufprall nicht so hart...
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